Folge 17: BusinessShift – Ökodesign und Kreislaufwirtschaft - der Talk mit DIN

Shownotes

Was bedeutet es für Unternehmen, wenn Kreislaufwirtschaft nicht mehr freiwillig ist, sondern regulatorisch eingefordert wird – von Reparierbarkeit über Recyclingfähigkeit bis hin zu neuen Datenpflichten? Und wie gelingt es, Design, Normung und Nachhaltigkeit so zusammenzubringen, dass daraus kein bürokratisches Korsett, sondern ein echter Wettbewerbsvorteil entsteht?

In dieser Folge von BusinessShift – Ökodesign und Kreislaufwirtschaft geht es um die neue EU-Ökodesign-Verordnung, zirkuläres Produktdesign und die Rolle von Normen als Hebel für Transformation statt als Hürde.

Unser Gast: Fanni Florian vom Deutschen Institut für Normung (DIN).

🔍 Themen der Folge:

  • Warum die neue EU-Ökodesign-Verordnung Produkte grundlegend verändert – und wen sie betrifft
  • Wie Kreislaufwirtschaft vom Buzzword zur konkreten Designaufgabe wird
  • Welche neuen Anforderungen wie Reparierbarkeit, Wiederverwendung und Recyclingfähigkeit wirklich bedeuten
  • Warum Normen kein Hemmschuh, sondern ein Werkzeug für Transformation sind
  • Wie Unternehmen sich vorbereiten können, auch wenn sie noch nicht direkt reguliert sind
  • Welche Rolle Normung bei Skalierung, Vergleichbarkeit und Marktvorteilen spielt
  • Weshalb frühzeitiges Handeln langfristig über Wettbewerbsfähigkeit entscheidet

Diese Episode zeigt: Nachhaltigkeit beginnt nicht erst bei der Produktion, sondern schon beim Design. Wer heute Kreislaufwirtschaft mitdenkt, verschafft sich morgen einen echten Vorsprung – ökologisch wie wirtschaftlich.

📌 Kapitelübersicht

00:00:00 Warum Ökodesign plötzlich alle betrifft 00:05:27 Kreislaufwirtschaft beginnt beim Produktdesign 00:10:40 Wer jetzt handeln muss – und warum Abwarten riskant ist 00:18:11 Welche Branchen besonders unter Druck geraten 00:23:58 Zeitpläne, Fristen und die große Unsicherheit 00:31:59 Normen als Werkzeug statt als Hürde 00:36:43 Fazit: Einfach anfangen – und dranbleiben

Das Gespräch vertieft im weiteren Verlauf weitere Aspekte rund um Normung, Kreislaufwirtschaft und Umsetzung in der Praxis, die hier aus Platzgründen nicht gesondert aufgeführt sind.

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Informationen zu Normung, EPDs und Produktdaten beim DIN: 👉 https://www.din.de

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Transkript anzeigen

00:00:00: Herzlich willkommen zu "BusinessShift - Einfach machen", dem Podcast für Entscheiderinnen und Entscheider, die wissen wollen, wie Zukunft funktioniert. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Heute geht es um ein Thema, das auf den ersten Blick technisch klingt, aber am Ende wieder unser aller Alltag betrifft. Produktdesign, Kreislaufwirtschaft und die neue Ökodesign-Verordnung der EU. Seit Juli 2024 gilt sie, die ESPR, die nachhaltige Produkte zur Norm machen soll. Wir sprechen darüber, was jetzt neu ist, warum das ambitioniert ist und was das konkret für jeden einzelnen von uns bedeutet. Und wer könnte das besser erklären als jemand aus dem Herz der Normung selbst? Fanni Florian vom Deutschen Institut für Normung, kurz DIN. Fanni, schön, dass du da bist.

00:00:48: Ja, schön, dass ich bei sein darf. Hallo.

00:00:50: Und natürlich darf sie nicht fehlen, meine Co-Moderatorin und Nachhaltigkeits-Expertin von TÜV Rheinland, Dr. Bahar Cat-Krause. Ja, schön, dass du auch wieder da bist. Ja, danke Tobias und hallo Fanni. Schön, dass wir dich heute dabei haben. Fanni, ich bin mal gespannt, wie du das einordnest. Ist diese neue Verordnung Pflicht oder ist es eine Chance?

00:01:13: Beides, kleine Fangfrage. Also es ist ja alles nicht ganz neu. Das Thema ist nichts, was die Industrie komplett überraschen sollte, denn wir hatten ja vorher die Ökodesign-Richtlinie. Das heißt, es kommt jetzt nicht aus der Kalten, aber es ist natürlich so, dass jetzt Produktgruppen betroffen sind, die es vorher nicht waren. Das heißt, der Elektro- / Elektrotechnikbereich, die hatten die Ökodesign-Richtlinie, nach der sie sozusagen schon reguliert wurden. Und die Ökodesignverordnung hat jetzt ganz neue Produktgruppen wie Textilien, Möbel, Matratzen eingeschlossen. Auch die Ökodesignanforderungen erweitert und das ist natürlich was, was jetzt vielleicht erst mal für Aufsehen sorgen könnte. Ich glaube aber, dass auch viele Marktteilnehmende das schon auf dem Schirm haben. Nur die Frage, die sich immer noch stellt, ist: Was bedeutet das jetzt für mich für die Praxis? Und das gilt es noch zu lösen.

00:02:03: Dazu kommen wir gleich. Wir fangen vielleicht einen Schritt weiter vorne an. Du hast es auch gerade gesagt: Ökodesign-Richtlinie, das alte quasi. Was hat vorher die Ökodesign-Richtlinie geregelt? Und was hat sich jetzt durch die ESPR verändert?

00:02:19: Also Die Ökodesign-Richtlinie, die galt vorher für erste energiebetriebene Produkte, dann für energieverbrauchsrelevante Produkte und eben jetzt dann für nahezu, na ja zum Beispiel einen Wäschetrockner oder einen Kühlschrank. Es können aber auch jetzt Wärmepumpen betroffen sein. Also es ist eher so, dass die EU-Kommission sich einen Arbeitsplan vornimmt und dann Stück für Stück Produktverordnungen ausspricht für die einzelnen Produkte. Die sind so nach und nach dran.

00:02:28: Was sind das für Produkte?

00:02:47: Eine Verordnung für Smartphones, Tablets. Stück für Stück werden die einzelnen Produkte durchreguliert. Und wir haben schon eine ganz lange Liste an betroffenen Produkten. Es gibt schon über 200 aktive, veröffentlichte und auch gültige Normen und Standards zu dem Thema. Da ist schon eine ganze Menge passiert. Da ist eine ganze Menge auch Erfahrungsschatz schon gesammelt worden und es ging halt viel um Energie- und Materialeffizienz. Und da hat natürlich die neue Ökodesignverordnung die Anforderungen nochmal eine ganze Ecke erweitert und viel mehr Zirkularitätsprinzipien mit reingenommen als bisher.

00:03:22: Das hört sich ein bisschen nach noch mehr Regulierung an. Oder ist es einfach zeitgemäßer aufgestellt worden? Wie würdest du das einordnen?

00:03:32: Erstmal vorweg, ich bin keine Juristin. Das heißt, ich kann die Rechtstexte nicht so in den Kontext setzen, wie Juristen oder Juristinnen das tun könnten. Ich denke, dass die Regulierung immer dann schärfer wird, wenn gesehen wird, dass der Markt selbst es eben nicht tut. Also eben diesen Forderungen auch nach Klimaneutralität 2050 und so weiter nicht selbst nachkommt, sondern einfach gesehen wird, wenn wir keine Vorgaben machen, dann wird sich da auch nichts tun. Es ist natürlich auch eine Chance, weil wir jetzt sagen können, wenn wir es schaffen, im europäischen Raum diese Anforderungen umzusetzen, was mehr oder weniger Pflicht ist, aber es ist ja trotzdem noch ein Weg, dann können wir uns auch ganz eindeutig abheben auf dem Markt von Wettbewerbern im Bereich der Nachhaltigkeit. Also es ist auf jeden Fall eine Chance, aber natürlich auch eine here Aufgabe. Genau, also wenn wir jetzt uns mal angucken, was so gefordert wird, was die EU-Kommission ausspricht, Ja, dann geht es halt die Zerlegung zum Beispiel von einem Smartphone. Es geht um die Widerstandsfestigkeit von einem Display, die Ritzbeständigkeit, die Recyclingfähigkeit, das Batteriemanagement. Also es sind schon wirklich viele Anforderungen, man sich auch erstmal überlegen muss: Wie kann man das technisch umsetzen? und Wie können wir das auch nachweisen? Also wie weisen wir eigentlich nach, wie recyclingfähig dieses Produkt jetzt ist oder wie reparierbar. Geht es ⁓ die Möglichkeit zu reparieren? Geht es um die faktische Reparierbarkeit? Es sind ganz viele offene Fragen noch. Und wir werden auch erst mit den Delegated Acts von der EU-Kommission sehen, was sie dann tatsächlich für die jeweiligen Produktgruppen fordern.

00:05:04: Fanni vielleicht ganz kurz dazu eine ergänzende Frage: Du hast ja gerade schon mal das Thema Reparierbarkeit, Rezyklierbarkeit, Recyclingfähigkeit und auch Recyclinganteile angesprochen. Kannst du vielleicht einmal ganz kurz sagen, was jetzt mit der neuen Ökodesign-Richtlinie an, ich sag jetzt mal an Themen neu mit dazu gekommen ist, die das Thema Zirkularität direkt betreffen?

00:05:27: Einige Sachen hast du gerade schon gesagt, es sind insgesamt 16 Anforderungen. Wir haben manche Dinge, die eben gleich sind, sowas wie Ressourceneffizienz, Energieeffizienz, das hatten wir vorher auch schon. Die Reparierbarkeit hatten wir in einer gewissen Weise manchmal auch schon drin. Es geht jetzt aber auch Refurbishment, Remanufacturing, Possibility of recovering of materials, Reusability. Upgradability. Es sind doch ein paar mehr Sachen aus der Circular Economy Bubble, die nun reingekommen sind. Manche Dinge waren anders formuliert auch schon vorher drin, aber es ist jetzt eben deutlich spezifischer geworden und der Katalog aus dem die EU-Kommission ausgewählt hat, ist größer geworden. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass jedes regulierte Produkt alle 16 Anforderungen erfüllen werden muss, sondern es wird vorher Studien geben. Die werden ganz genau belegen, welche Anforderungen am sinnvollsten sind, um sozusagen die ökologischen Auswirkungen des Produkts zu minimieren, weil das ist ja das Ziel. Und dann werden die Anforderungen in den delegierten Rechtsakten nochmal ganz klar ausgeschrieben.

00:06:38: Ich versuche das noch mal runter zu graden, für uns EndverbraucherInnen. Das heißt ja am Ende, Fanni, im besten Falle, ich nehme das Beispiel Mobiltelefon heute, da sind ja alle Teile verbaut und ich kann es ja eigentlich in der Regel, gerade wenn ich ein sehr teures habe von einer bekannten Marke, dann kann ich ja eigentlich das Handy nur wegschmeißen. So und durch die neue Verordnung wird jetzt aber geklärt, dass das Handy quasi auseinandergebaut werden kann und letztlich die Teile wiederverwendet werden können, beziehungsweise dass so ein Mobiltelefon repariert werden kann, oder?

00:07:16: Genau, theoretisch wäre das der Zielzustand, dass es reparierfähig ist. Es müssen auch Ersatzteile gelagert werden. Die Frage ist dann wie es umgesetzt wird. Die Verordnung sagt ja nicht, sie müssen übrigens die Produkte auch wieder zurücknehmen und sie müssen auch einen Reparierservice anbieten. Das ist nicht Teil des Ganzen, sondern es geht erstmal nur um die Reparierfähigkeit. In der Diskussion ist eventuell ein Reparability Index, also dass man auch als Verbraucher, Verbraucherin, wie bei diesem Energielabel, sehen kann: Wie reparierfähig ist es? Es wird wahrscheinlich nach einer ähnlichen Logik aufgebaut werden. Aber das ist erst mal die einzige Aussage, die getroffen wird. Alles, was wenn wir in der Circular Economy denken, da eigentlich noch mit dranhängen müsste, wird erst mal nicht reguliert, sondern es wird vielleicht die Basis geschaffen.

00:08:03: Eigentlich ist es ja, wie der Name sagt, eine Ökodesign-Richtlinie. Es ist ja wirklich eine Designfrage, das heißt die Entwicklerinnen müssen weg von Form follows Function hin zu Form follows Impact jetzt mehr in die Richtung denken. Und das ist ja jetzt auch nochmal neu. Wir hatten das in der alten Ökodesign-Richtlinie auch. Wie verändert sich denn da deiner Meinung nach dieses ganze Designthema? Müssen wir da jetzt auch in den Unternehmen überlegen: Wer das machen kann? oder Braucht es neue Funktionen, weil es ist ja vielleicht nicht jeder ein Circular Economy ExpertIn?

00:08:39: Ja, es braucht nicht unbedingt neue Personen, sondern einfach neue Kompetenzen, die vermittelt werden. Das kann in-house passieren. Also es können sich einfach inhouse die Informationen drauf geschafft werden, indem man sich eben stark mit der Ökodesignanforderung und Circular Economy auseinandersetzt. Das kann aber auch extern passieren, ob das jetzt Schulungen sind. Es gibt auch Normungsorganisationen in Österreich zum Beispiel, die bieten einen sogenannten Circular Economy Officer an. Also man kann sich, glaube ich, auf vielfältige Arten weiterbilden. Ich glaube, das A und O ist, sich erstmal mit der Kreislaufwirtschaft auseinanderzusetzen, in die Circular Economy überzugehen und sich dann dem Circular Design zu widmen. Also es ist schon richtig, dass es für KMUs natürlich jetzt extrem komplex ist, sich da reinzuarbeiten. Große Unternehmen haben es da mit Sicherheit leichter. Aber es ist auf jeden Fall etwas, dass das Unternehmen in die Zukunft investiert, denn das Thema wird nicht mehr weggehen oder kleiner werden, sondern eigentlich eher größer werden. Auch wenn man jetzt zum Beispiel noch nicht reguliert wurde oder auch weiß, man wird es in den nächsten zwei, drei, vier, fünf Jahren nicht, ist dennoch die Tendenz, dass wir in diese Richtung müssen. Und deswegen ist es eigentlich nie zu früh.

00:09:50: Das unterschreibe ich zu 100 Prozent.

00:09:52: Es ist eher so, dass es, glaube ich, schwierig ist, sich auf dem Markt zurechtzufinden und zu überlegen, okay, welche Fortbildung mache ich denn jetzt. Wie qualifiziere ich mich und meine Mitarbeitenden weiter? Welche Normen und Standards wende ich an? Ich glaube, das ist gerade eher schwierig, diese Komplexität zu managen, als dass man das Gefühl hat: Ich weiß gar nicht, wie ich diese Kompetenz jetzt schaffen

00:10:09: Ja, und zum Glück gibt es ja auch die TÜV Rheinland Akademie, die bietet auch entsprechende Fortbildung an. Ihr habt es beide angesprochen: Die Unternehmen. Wie weiß ich denn als Unternehmen, dass ich jetzt von dieser neuen Verordnung betroffen bin? Beziehungsweise wenn ich davon betroffen bin, würde ich sagen, okay, ja, wir würden da gerne was machen. Wir sind da auch bereit. Aber wo fangen wir an? Also wie weiß ich, dass ich betroffen bin und wenn ich betroffen bin, was sind denn vielleicht die ersten Schritte?

00:10:40: Also je nach Unternehmensgröße, sehr große Unternehmen haben inhouse Compliance oder Rechtsabteilungen oder haben Referenten für Ökodesign. Und die wissen natürlich relativ frühzeitig Bescheid. Die beobachten ja das Geschehen und für die ist es sozusagen nichts Neues. Bei KMUs, denen würde ich immer empfehlen, sich über Verbände zu organisieren, denn Verbände haben eigentlich genau diese Aufgabe, die Landschaft regulatorisch zu monitoren und ihren Mitgliedern entsprechend rechtzeitig auch Informationen weiterzugeben. Wir von DIN informieren tatsächlich auch, aber natürlich immer im Kontext von Normung. Es geht bei uns nicht um klassische Verbandesarbeit, sondern darum, über Normen und Standards zu informieren. Über die Relevanz von Normen und Standards, ein Angebot auch zu machen und auch zu zeigen, wie man mitarbeiten kann. Aber formale Informationen über eine veränderte Rechtslage gibt es von uns jetzt erst mal so nicht. Das heißt, Unternehmen würde ich, wenn es ein kleines Unternehmen ist, immer raten, sich über ein Verband zu organisieren und sich da die Unterstützung reinzuholen, die man personell im Inhouse nicht stemmen kann. Im Idealfall hat man natürlich irgendwie immer eine Compliance Person. Aber ich weiß, dass das nicht die Unternehmensrealität ist und auch nicht werden wird.

00:11:49: Du hast es gerade angesprochen: Ihr seid als DIN das Haus der Normen. Wie entsteht eigentlich so eine Norm? Sitzt ihr da am Tisch oder mit Verbänden? Wird das ausgepuzzelt? Wird das demokratisch abgestimmt? Gibt es davor Normen? Wie muss ich mir das so vorstellen?

00:12:06: Also ich glaube, ich muss mal mit zwei Vorurteilen aufräumen. Das beliebte Vorurteil ist, DIN ist eine Behörde, nein ist sie nicht. Und DIN gehört auch nicht formal zur Bundesregierung. Es gibt einen Vertrag zwischen DIN als Verein und der Bundesregierung. 50 Jahre Normvertrag wurde auch gerade gefeiert. Das heißt, wir sind von der Bundesregierung beauftragt, die deutsche Wirtschaft zu vertreten, nationale Normen umzusetzen, aber auf europäischer und auch internationaler Ebene zu vertreten. Weil wir, die bei DIN arbeiten, wir schreiben die Normen nicht. Sondern wir sind diejenigen, die den Prozess steuern und die diese ganze administrative Arbeit, die prozessuale Arbeit drumrum machen. Und Normen schreiben, das tun Experten und Expertinnen und idealerweise aus allen interessierten Kreisen. Das ist die öffentliche Hand, das ist die Wissenschaft, das ist die Forschung, VerbraucherInnenschutz, die Wirtschaft, die Gewerkschaften, aber auch Berufsinstitute. Idealerweise versammeln wir Experten und Expertinnen aus allen interessierten Kreisen bei uns und arbeiten an Normprojekten im Konsens natürlich. Das ist der riesen Vorteil, das ist auch anders als bei Gesetzen zum Beispiel, dass wir Normen und Standards im Konsens erarbeiten. Wir haben auf jeden Fall diese Art und Weise die Möglichkeit, innovative zirkuläre Ideen normativ zu verankern und auch auf andere Ebenen zu heben. Wenn eine Norm europäisch umgesetzt wird, dann heißt es, dass die Mitgliedsländer diese Norm auch übernehmen müssen. Sprich, eine zirkuläre Idee, europäisch normativ zu verankern, hat eine totale Hebelkraft. Und ich glaube, es ist vielen gar nicht so sehr bewusst, was man eigentlich damit skalieren kann und auch ausrollen kann für eine Circular Economy, fernab von Leuchtturmprojekten, Insellösungen usw.

00:13:49: Ich durfte ja auch schon in Gremien sitzen, ISO und auch im DIN. Und ich muss sagen, die Zusammensetzung ist immer wirklich gut gewählt. Also sitzen wirklich Experten am Tisch, die wissen, worüber sie reden, die die Anforderungen kennen, die aus der Praxis kommen, teilweise auch Unternehmen, egal welcher Größe, soweit ich das zumindest in den Gremien gesehen habe in denen ich gesessen habe. Ich fand das auf jeden Fall immer auch sehr anspruchsvoll. Aber ich glaube, die Kunst ist es dann so runterzubrechen, dass es dann wirklich auch umsetzbar ist. Es ist natürlich ein etwas längerer Prozess, der ein gutes Ergebnis bringt. Das ist, glaube ich, worauf ihr sehr großen Wert legt.

00:14:28: Genau, also noch mal zu den Gremien, die entscheiden über ihre Zusammensetzung selbst. Wir sagen jetzt nicht, du darfst rein und du nicht, sondern die Gremien stimmen darüber ab. Experten und Expertinnen stellen sich auch vor in den Gremien. Es sind halt viele Aushandlungsprozesse, die ihre Zeit brauchen. Man erlebt gerade, dass von der Normung so bisschen erwartet wird, dass sie die Eier legende Wollmilchsau ist. Es sollen alle mitmachen. Es sollen alle im Konsens entscheiden, aber es soll auch schnell gehen. Und ich glaube, man merkt dann relativ zügig, dass sich das zum Teil widerspricht, weil bestimmte Themen müssen ausgehandelt werden. Bei bestimmten Themen ist es auch sehr schwierig, einen Konsens zu finden, weil die Interessen zu unterschiedlich sind und das braucht dann eben entsprechend Zeit. Vor allem auch auf europäischer und internationaler Ebene. Da ist es ja nochmal ein ganz anderer Diskussionsraum, den man da aufmacht, weil Länder eben sehr unterschiedlich arbeiten oder auch Konzepte, beispielsweise auch das Konzept der Circular Economy wird. auf internationaler und europäischer eben auch unterschiedlich verstanden. Es gibt einfach viele Aushandlungsprozesse und die dauern oft ihre Zeit, aber umso besser ist am Ende die Norm, weil die Legitimation dann auch einfach sehr groß ist. Es gibt auch ein schnelles Format, also eine DIN-SPEC. Da braucht man drei Konsortialpartner und da kann dann auch schon, ich glaube, die schnellste Spec war in einem halben Jahr durch. Kann dann erst einen Aufschlag machen und hat ein Dokument für die Praxis. Und da haben wir auch schon wirklich tolle Projekte gesehen, die von einer SPEC zu einer europäischen Norm geworden sind oder auch gerade sich noch im Prozess befinden. Also es gibt, glaube ich, verschiedene Wege, je nachdem, wie das eigene Thema und auch die eigene Community gelagert ist, verschiedene Wege, zirkuläre Ideen umzusetzen in der Normung und dadurch den Hebel einfach größer zu machen.

00:16:06: Und der Kreis ist dann also, ihr seid als DIN das Deutsche Institut für Normung, dann gibt es die EN-Norm, die europäische Norm und die globale Norm ist dann wahrscheinlich die ISO-Norm. Und so muss man sich das wahrscheinlich auch vorstellen, dass man dann entsprechend von der nationalen über eine internationale zu einer globalen Norm dann vorgeht. Du hast es gerade angesprochen. Also manchmal geht es sehr schnell, manchmal dauert es länger. Wie geht ihr denn damit um, dass aber die Zyklen an sich, wo genau Entscheidungen gefällt werden müssen, wo jetzt auch gerade im Bereich der Zirkulärwirtschaft, wo die Entscheidungen sehr viel schneller gefallen werden, wo die Wirtschaft auch sehr viel schneller tickt, sich immer schneller dreht? Wie geht ihr damit ⁓ Weil du hast gerade auch gesagt, man braucht die Zeit, um die Normen dann auch zu formulieren. Merkt ihr, dass da mehr Druck dann bei euch lastet? Das die Entscheider schneller zu Potte kommen müssen.

00:17:03: Also ich glaube, wir spüren den Druck alle. Tatsächlich bei der Norm-Erarbeitung sind wir gar nicht so das Bottleneck, sondern eher die zeitlichen Ressourcen der Experten und Expertinnen. Also ein Projekt kann wahnsinnig schnell vorangehen, wenn die Leute die Zeit investieren, um es zu erarbeiten. Und wir merken, dass bei drängenden Themen das auch wirklich flott gehen kann, wenn die richtigen Leute da sind. Das ist auch immer so bisschen diese Vorbereitungsfrage. Auch bei den Ökodesigenthemen haben wir in den Gremien, die aktuell zu den Sektoren erarbeiten, haben wir da die richtigen Leute drin? Und falls nicht, sollten wir die jetzt schnell reinholen, damit dann, wenn der Auftrag zur Erarbeitung der Normen kommt, auch wirklich zügig durchgearbeitet werden kann und wir nicht dann erst überlegen, ach Mist: Wer kennt sich eigentlich aus mit Recyclingfähigkeit? Also das muss man schon zur richtigen Zeit antizipieren und versuchen, das Gremium gut aufzustellen. Und wenn es gut aufgestellt ist und wenn die Experten und Expertinnen das nicht nur nebenbei machen, sondern sich wirklich die Zeit nehmen, dann kann so eine Norm auch wirklich zügig erarbeitet werden. Nichtsdestotrotz können wir natürlich Diskussionen haben und die brauchen dann, um ausgehandelt zu werden, aber das ist durchaus

00:18:11: Wenn wir jetzt wieder zurückkommen zu unserem eigentlichen Thema zur Ökodesign-Verordnung, welche Normkreise sind davon betroffen?

00:18:22: Ja, also natürlich erstmal die ganzen Elektrotechnikkreise, also die ganzen Sektoren, die sich mit elektrotechnischen Produkten beschäftigen. Und nun kommen eben dazu Eisen und Stahl, Aluminium, Textilien und Bekleidung, Matratzen, Möbel. Bei uns sind es glaube ich, 14 Normausschüsse und darunter liegen noch einige Arbeitsausschüsse, die zukünftig betroffen sein können. Am Ende ist es ja so, dass die EU-Kommission die Normungsaufträge rausgibt an die europäischen Normungsorganisationen und dann wird sozusagen auch geguckt, wo wird das Thema jeweils verankert und dann wird bei uns eben geschaut, wo wird das Thema national gespiegelt. Also man kann jetzt noch nicht hundertprozentig sagen, welche Ausschüsse dezidiert betroffen sein werden, aber es werden viele im Haus auf jeden Fall sich mit dem Thema zukünftig beschäftigen müssen. Und es wird auch schon antizipiert, dass es eventuell in Management-Normen Einzug halten kann, da Ökodesign auch zu verankern. Aber das ist alles noch nicht spruchreif.

00:19:22: Mit der Ökodesign-Verordnung kommt ja auch, oder gibt es schon, einen digitalen Produktpass. Und der will ja viele Datenmengen auch haben, also über Materialien, CO₂ -Fußabdruck, Reparierbarkeit. Wo bekommen Unternehmen, die sich jetzt damit beschäftigen, wo bekommen die diese Daten her oder wie gehen die auch damit ⁓

00:19:47: Ich glaube, das ist gerade eine ganz große Frage: Woher die die Daten bekommen? Da ich selber nicht in einem Unternehmen arbeite, was sich jetzt damit auseinandersetzen muss, kann ich es nicht dezidiert sagen. Aber im Idealfall natürlich von ihren Lieferanten, Lieferantinnen, von den Herstellern von Zwischenprodukten. Die Frage ist ja vor allem auch: In welchen Formaten müssen diese Daten vorliegen? Wie tauschen wir die miteinander aus? Wer darf was sehen, also Berechtigungskonzepte? Wer darf sie sammeln, zentralisiert oder dezentralisiert? Das sind gerade ganz viele große Fragen. Das, was die Normung beantworten kann, ist, in welcher Struktur müssen die Daten vorliegen. Es gab Normungsaufträge von der EU-Kommission zum DPP. Die Normen sind auch jetzt sozusagen schon in der finalen Phase und sollen im Quartal 1/ 2026 veröffentlicht und auch gelistet sein. Das heißt, die Strukturfragen kann die Normung dann schon beantworten, damit wir uns eben alle auf die sogenannten Formate oder auf die Interoperabilität einigen können. Austauschbarkeit ist eben ganz wichtig. Das wird dann schon da sein, aber welche Daten konkret jetzt Textilien zum Beispiel liefern müssen, das wird dann erst klar, wenn die delegierten Rechtsakte zum DPP rauskommen. Das heißt, wir erwarten zum einen delegierte Rechtsakte über die Ökodesign-Anforderungen zu den jeweiligen Produktgruppen, aber auch zu den Informationsanforderungen. Wir haben ja Leistungs- und Informationsanforderungen, zu den Informationsanforderungen des DPP. Ich weiß, dass sich jetzt viele schon damit beschäftigen, zu überlegen: Das und das sind die Ökodesignanforderungen, welche Daten könnten relevant sein, um darüber zu berichten, wo kriegen wir die her? Die fangen schon an zu sammeln. Auf europäischer Ebene gibt es auch schon ein Projekt "Information Sharing", was sich darum kümmert, eine Struktur für die Ökodesignanforderungsdaten sozusagen aufzubauen, dass man da einfach eine Liste hat, die man abarbeiten kann. Auch dazu gibt es schon ein Projekt. Aber so ganz konkret ist es natürlich immer noch offen, und wir haben auch noch keine konkreten Details von der EU-Kommission. Was die Marktteilnehmenden auch ein bisschen nervös werden lässt, ist vielleicht zu viel gesagt, aber sie suchen nach Orientierung. Das kann man ganz klar sagen.

00:21:52: Vielleicht kann ich da auch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Wir arbeiten ja mit vielen Unternehmen auch zusammen und wir haben schon vor Jahren angefangen, über das ganze Thema DPP, also digitaler Produktpass, zu sprechen. Ich glaube, die Vielzahl der Daten wird zum einen mit Sorge betrachtet. Also die Frage ist immer: Welche Daten muss ich eigentlich bereitstellen? In welcher Form? Da hast du jetzt, Fanni, schon gesagt, die Struktur wird vorgegeben. Ich glaube, was am meisten gefürchtet ist, ist tatsächlich, dass man Daten offenlegt, also dass vielleicht Rezepturen, Inhaltsstoffe des eigenen Produktes oder Farbkombination etc. offen gelegt werden. Und ich glaube, das ist ein sehr, sehr sensibles Thema und da geht es dann auch darum, wie werden die Daten technisch eigentlich zur Verfügung gestellt. In welcher Form und wer in der Lieferkette kann es eigentlich sehen, weil der digitale Produktpass soll ja die Daten über den gesamten Lebenszyklus sammeln. Das heißt, selbst wenn ich Rohstoffe einkaufe, muss mein Rohstofflieferant seine Produkte und Materialien ja auch schon weitergeben. Und die Frage ist: Ob er das A kann und B möchte? Also ich glaube, was hier sehr hilft, auch im Unternehmen sich vorzubereiten, ist auch wirklich, sich zusammenzusetzen und zusammenzuarbeiten und zu versuchen, die Datenpunkte irgendwie zusammenzusammeln, weil das meiste kommt eben aus der Lieferkette. Und mein Lieblingsthema ist ja das Thema Daten, kennt ihr ja schon. Da kann ich eigentlich wirklich nur sagen, das hattest du eben schon auch kurz angesprochen: Viel in Verbänden sich zu organisieren, sich mit seinen Lieferanten und Partnern zusammenzusetzen und versuchen, diese Daten möglichst in Vorbereitung jetzt schon zusammenzustellen, um dann jetzt nicht dann auf einmal da zu stehen und zu sagen, die Daten habe ich gar nicht, wie kriege ich denn jetzt so schnell und auf einmal ist es eine regulative Anforderung mit einer Deadline. Also da kann ich wirklich nur sagen, frühzeitig anfangen. Wie sehen denn diese Deadlines aus?

00:23:58: Von der Regulatorik?

00:23:59: Ja.

00:23:59: Wir erwarten ja verschiedene Normungsaufträge zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Eisen und Stahl sind, glaube ich, die nächste Produktgruppe, die dran sind. Ich glaube, die kommen schon theoretisch 2026. Aber wie es mit der EU-Kommission immer so ist, sie haben einen Arbeitsplan, sie geben auch eine Timeline raus, also Eisen und Stahl 2026. 2027 - Reifen, Aluminium und Textilien. Bekleidung, auch die horizontale Anforderung, Reparierbarkeit, Dann Möbel 2028, und 2029 die Matratzen. Aber es kann sein, dass die Normungsaufträge schon vorher kommen, also bevor überhaupt der Delegated Act draußen ist, kann auch hinterher kommen. Also so genau wissen wir es nicht. Wir haben eben die ungefähre Timeline, nach der wir uns richten können und schauen glaube ich alle ganz gespannt auf das "Have Your Say" - Portal, weil das ist ja das quasi erste Medium, wo wir sehen, hier ist ein Delegated Act in Erarbeitung und hier kann man sich auch einbringen. Ich monitore das immer ganz gespannt, weil konkreter wird es leider nicht als diese Information mit den eben genannten Jahreszahlen.

00:25:05: Ja, und 2026 ist auch nicht mehr lang hin, und 2027 auch nicht. Wenn man mal überlegt, was dann an Informationen fließen müsste, ist es nicht mehr lang.

00:25:14: Ich glaube, die große Herausforderung ist, dass im Februar 2027 die Batterieverordnung in Kraft tritt und dann muss auch der DPP stehen. Die Normen und Standards ,die sind quasi auf dem Weg der Veröffentlichung. Aber was natürlich noch fehlt, ist das Thema Registrierung. Ich weiß nicht genau, wie wir das am Ende nennen werden, aber es wird ja ein Webportal geben, wo quasi - wer auch immer Marktteilnehmende sind, wir wissen es nicht. Zugriff auf die Daten haben wird, auf welche Daten wissen wir auch noch nicht. Auf dieser Registrierungsplattform, da werden dann Identifier hinterlegt sein und auch, wo das Backup liegt. Und all das existiert gerade noch nicht. Das heißt, die Sorge ist, glaube ich, gerade so bisschen, dass wir von EU-Seiten noch nicht ready sind oder es einfach sehr knapp werden könnte. Und wie eben auch Bahar hat eben schon gesagt, wer darf die Daten eigentlich sehen? Darüber haben wir gerade noch nicht so richtig Auskunft. Also welche Daten sollen VerbraucherInnen sehen? Welche WettbewerberInnen? Welche diejenigen, mit denen wir tatsächlich zusammenarbeiten? Genau, das sind alles noch offene Fragen. Ich glaube, innerhalb der eigenen Produktion kann man sicherlich mit NDAs arbeiten, mit Berechtigungskonzepten, mit Verschlüsselungen. Was aber dann im Webportal einsehbar sein soll, das ist natürlich eine Entscheidung, die das Unternehmen nicht selber trifft. Und da sind wir alle noch sehr gespannt.

00:26:37: Frage an euch Zwei: Wer wird am meisten von dieser Verordnung profitieren, wenn ich an die Wirtschaft denke? Wer wird davon profitieren und wer hat aus eurer Sicht dann auch den größten Nachholbedarf? Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich hätte jetzt gesagt, wenn du jetzt nicht noch gesagt hättest wirtschaftlich, dann hätte ich gesagt, unsere Umwelt würde am meisten davon profitieren. Weil der Weg von der linearen in eine zirkuläre Wirtschaft bedeutet ja, Ressourcen bewusster einzusetzen, sekundäre Rohstoffe zu nutzen, Materialien zu recyceln, diese recycelten Materialien wieder einzusetzen. Für mich steht das eigentlich an erster Stelle. Das Zweite, wenn ich an die Wirtschaft denke, glaube ich, werden alle was davon haben, weil meiner Meinung nach, das ist meine ganz private Meinung. Wenn wir nicht hin in eine zirkuläre Wirtschaft uns entwickeln, viele Unternehmen, die wir heute kennen, sicherlich in 10, 15 Jahren, und die Prognose würde ich mal geben, nicht mehr auf dem Markt sind. Weil sie nicht mehr zukunftsfähig sind, nicht mehr marktbeständig sind. Das liegt aber nicht in jeder Hand. Also ich als Mittelständler kann ja sagen, na gut, aber es ist aktuell super teuer, recycelte Materialien zu kaufen. Es gibt vielleicht nicht genug Rohstoffe, die ich einsetzen kann. Und das ist etwas, da muss noch viel passieren. Vielleicht über Subvention, vielleicht über staatliche Hilfen. Aber grundsätzlich glaube ich, können vor allen Dingen auch Unternehmen selbst profitieren, sich selber so aufzustellen, dass es sie wirklich in 10, 15 Jahren noch gibt. Und das ist natürlich ein langer Weg, ein Prozess. Das darf man auch nicht vergessen. Das ist ein Schritt-für-Schritt-Prozess. Man muss auch anfangen, umzudenken. Es ist ein Mindset, ist eine Kulturfrage im Unternehmen. Aber am Ende ist es eine wirtschaftliche Frage: Gibt es mich in 20 Jahren noch oder nicht? Seht ihr bestimmte Branchen gut aufgestellt per se? Fanni kann man da so was sagen, also auch durch die Ausschüsse, dass man da sagen kann, ja bei bestimmten Branchen im Mittel sind die schon ganz gut unterwegs, mindestens vom Mindset. Dahin zielt auch so ein bisschen meine Frage. Beziehungsweise, es gibt Branchen, die haben wirklich noch einen sehr, sehr weiten Weg zu gehen.

00:28:56: Ja, also die Elektrotechnik ist natürlich sehr gut aufgestellt, weil sie ja schon reguliert waren und sich mit vielen Themen schon auseinandergesetzt haben. Manche Themen jetzt noch nachliefern müssen, weil die Anforderungen ausgeweitet wurden, aber es ist ihnen nicht fremd. Also sowohl die Art Normungsaufträge zu erarbeiten, das ist ja auch nochmal eine besondere Form der Normung. Das ist ihnen nicht fremd und auch die Anforderungen per se sind ihnen nicht fremd. Das heißt, ich glaube, die sind wirklich ganz gut aufgestellt. Die Textilbranche wurde sehr lange eben gar nicht reguliert. Da gibt es aber trotzdem auch schon Vorreiterprojekte. Also das ist nicht so, dass die davon überrascht wurden, sondern es ist tatsächlich auch schon so, obwohl noch keine Delegated Acts für Textilien ausgesprochen wurden, fangen die gerade schon an zu arbeiten. Also es sind eine der wenigen Branchen, die ganz proaktiv gerade das Thema angehen. Die Unternehmen, die sich jetzt schon viel

00:29:47: damit beschäftigt haben, ob nun freiwillig oder weil sie antizipiert haben, dass die Anforderungen kommen oder weil sie es als Wettbewerbschance sehen und davon gibt es auch einige, die sind jetzt natürlich im Vorteil, weil sie sind schon auf dem Weg und müssen ihren Weg jetzt sage ich mal nur noch ein bisschen anpassen, haben sich aber schon längst aufgemacht. Also die haben vielleicht schon Ökodesign-Referentinnen, die haben vielleicht schon IngenieurInnen, die sich mit den Themen beschäftigen und die kriegen jetzt die Leitplanken nochmal anders gesteckt, fangen aber nicht von vorne an. Davon werden all jene Unternehmen profitieren, die eben das Thema bisher nicht ignoriert haben, sondern schon anteilig auf dem Schirm haben. Auch diese, da sehe ich schon, dass sie auch versuchen, den Wettbewerbsvorteil natürlich herauszuarbeiten. Da geht es ja auch um Auslobung, also auch: Wie kann ich dann kommunizieren, was ich schon mache? Also nicht nur Compliance-Fragen, sondern eben auch ein paar Marketing-Fragen. Und da sehe ich auf jeden Fall ein paar Unternehmen, die schon gut mit dabei sind. Ich glaube, die wenigsten sind jetzt stark überfordert.

00:30:47: Also ich kann da nur sagen, Normen können wirklich helfen, diese sehr theoretischen Anforderungen, die ja auf jede Branche vielleicht nochmal anders wirken, zu nutzen und umzusetzen. Auch zu sagen, ok, welche Prozesse muss ich eigentlich etablieren? Welche Verantwortlichkeiten brauche ich? Welche Dokumente brauche ich? Und hier noch ein kleiner Praxistipp in den Mittelstand tatsächlich. Man muss nicht immer mit dem ganz großen Wurf starten. Ich habe es eben schon mal gesagt, Schritt für Schritt, klein anfangen, den Rahmen stecken und sich jetzt schon vorbereiten, dann kann eigentlich nicht mehr viel passieren. Wenn ich ein Mittelständler bin und höre diesen sehr guten Podcast, mit euch beiden. Ich bin Mittelständler, ich bin Automobilzulieferer, ich habe Elektroteile, ich bin schon ganz gut aufgegleist und ich frage mich jetzt aber, ja, habe ich denn eigentlich alles berücksichtigt oder muss ich vielleicht bestimmte Themen in Zukunft berücksichtigen? Wo kann ich mich da schlau machen? Was alles in meinen Bereich hineinfällt? Kann ich mich da ans DIN wenden, Fanni? Oder gehe ich da auf meinen Verband zu? Was ist da euer Tipp?

00:31:59: Wir bei DIN dürfen keine Rechtsberatung geben. Das heißt, wenn ein Unternehmen zu uns kommt und sagt, wie kann ich denn Compliance sein mit der Altfahrzeugerichtlinie, denn die Autos sind ja nicht von der Ökodesign-Verordnung betroffen, sondern ausgenommen, dann müssen wir da passen. Also das ist sozusagen unsererseits nicht möglich. Das heißt, da verweise ich immer an die eigenen Compliance-Beauftragten oder an die eigene juristische Abteilung. Die haben wir natürlich auch. Die Legalabteilung aber die dient nicht dazu, die Unternehmen extern zu beraten. Oder ich würde halt auch an die Verbände verweisen. Wir haben natürlich auch einen Normausschuss der VDA, der Verband der Automobilindustrie, wo die Automobilnormung vonstatten geht. Aber die Aufgabe des DIN ist erstmal nicht Compliance-Beratung durchzuführen. Das dürfen wir gar nicht.

00:32:51: Compliance-Beratung ist Rechtsberatung, die sollte dann auch tatsächlich über Anwälte und Kanzleien erfolgen. Es gibt aber die Möglichkeit, sich externe Hilfe zu holen, um Management-Systeme eben umzusetzen, wenn man nicht genau weiß, wie es geht. Wenn man schon sehr weit ist, kann ich jetzt aus natürlich TÜV Rheinland-Sicht sagen, kann auch mal ein Audit helfen. Sich einen externen Auditor reinzuholen und mal zu gucken: Wie wirksam sind denn eigentlich meine Prozesse? Wie gut kann ich denn meine Ziele umsetzen? Und dann einfach nochmal so einen neutralen Blick drauf zu werfen, weil idealerweise die Auditoren natürlich die Regulierung kennen, die Normen kennen, viel Praxiserfahrung mitbringen und da hat man auch nochmal die Möglichkeit, das nochmal zu challengen und auch mal zu gucken, wie gut bin ich eigentlich aufgestellt und wie wirksam sind meine Prozesse. Und zum Abschluss unseres Gesprächs möchte ich von dir nochmal wissen, Fanni: Wenn du so einen Blick in die Glaskugel werfen wirst, Stichwort DIN, werden wir in den nächsten Jahren mehr Normen erleben? Untereinander abgestimmte Normen oder werden wir in einen Normen-Dschungel hineinlaufen? Wo es dann für die einzelnen Unternehmen schwierig wird, genau zu wissen, welche Themen sie betreffen. Was ist so deine Perspektive? Wie siehst du das?

00:34:17: Wenn wir die Frage im Kontext der Regulatorik beantworten, dann ist es natürlich ganz klar, dass die Normen und Standards, die für die Erfüllung von einer Regulatorik wichtig sind, im Official Journal der EU gelistet werden und damit ganz klar nachvollziehbar ist, um welche Normen und Standards sich das da handelt. Nichtsdestotrotz bei einem Normenwerk von um die 35.000 Normen und Standards: Davon sind ungefähr 85 Prozent europäisch oder international, und von den europäischen sind wiederum 20 Prozent harmonisierte Normen, das heißt, Normen, die auf einer EU-Gesetzgebung oder mit einer EU-Gesetzgebung zusammenhängen. Na klar, es ist niemals einfach, sich da drin zurechtzufinden. Aber wir geben auf jeden Fall unser Bestes, das ausreichend gut darzustellen. Also zum Beispiel habe ich jetzt für die Ökodesign-Richtlinie eine Normenrecherche gemacht, um mal zu schauen, welche Normen und Standards und wie viele haben wir schon für die jeweiligen Produktgruppen. Ich habe das auch grafisch umgesetzt, sodass Unternehmen, die Interesse haben, sich dazu zu informieren, das auf unserer Webseite auch tun können. Das gibt natürlich nicht für alle Bereiche, aber ehrlicherweise muss man sagen, dass die Unternehmen, die betroffen sind, meistens auch ganz gut wissen, wie sie sich zu organisieren haben. Also auch die Experten und Expertinnen in den Gremien, die werfen einem die Normennummern aus dem FF die Ohren. Da sehen wir als ProjektmanagerInnen, die mit vielen verschiedenen Themen betraut sind und nicht nur einen Ausschuss haben, manchmal ganz alt aus, weil die Leute sehr gut wissen, hey, das ist meine Normen, die ist wichtig für meine Arbeit. Das haben die eigentlich gut auf dem Schirm. Das heißt, ich könnte mir auch einfach vorstellen, dass es für Unternehmen, die jetzt wissen, okay, mein Produkt wird betroffen sein, irgendwie muss ich jetzt an die erstens richtigen Informationen kommen! Wissen, wie finde ich mich zurecht! Auch da lohnt sich die Mitarbeit in den Normungsgremien, weil man damit Experten und Expertinnen zusammensitzt, die sich da schon total gut auskennen. Da kann man sich vernetzen, kann man sich natürlich auch austauschen, hey, wer wendet das wie an? Natürlich kartellrechtliche Absprachen sind verboten, ich glaube, das ist allen klar. Aber man kann sich mit Praxispartnern zusammentun und auch austauschen. Und wir haben da wirklich auch Unternehmen drin. Da geht es jetzt nicht nur, das ist mein Geheimnis, das ist dein Geheimnis, sondern das geht auch da um eine Zusammenarbeit. Und da merken wir auch, dass da Kooperationen geschlossen werden im Sinne des fachlichen Austauschs. Das funktioniert auch in den Normungsgremien. Das ist, glaube ich nochmal ganz wichtig zu sagen. Hier geht es nicht nur darum, die Wissensbrocken in so Dokument zu packen, sondern das hat auch einfach eine soziale Komponente.

00:36:43: Also nicht der Dschungel der Normen, sondern ganz klare Strukturen: Wo sind Normen verortet? Wie passen Normen zusammen? Und es gibt eben auch genügend Experten, die genau eine Zuordnung dann durchführen können, sodass es dann eben kein Bauchgefühl ist, sondern letztlich, ich nenne es mal, eine messbare Disziplin ist. Und genau da liegt ja die Chance für Normen, die eben nicht nur dann Spaßbremse sind. Am Ende des Tages sind sie ein Werkzeugkasten für unsere Transformation, sowohl die digitale Transformation als auch letztlich die wirtschaftliche, die Sustainability, die nachhaltige Transformation. Weil nur mit Normen sind dann ja auch die Unternehmen aufeinander abgestimmt und die gesamte Wirtschaft. Fanni, vielen Dank für deine klaren Einblicke aus dem Herzen der Normung aus Berlin. Bahar, vielen Dank für deine Praxisperspektive. Zusammen war das ja schon fast eine Masterclass in Kreislaufwirtschaft. Und ich hoffe, dass ihr, liebe Unternehmerinnen und Unternehmer, den Wandel als Chance begreift. Nutzt die Normen. Und warum nicht einfach mal mit dem eigenen Produktentwickler oder Lieferanten sprechen und gemeinsam überlegen, wie man Design, Material und Nachhaltigkeit viel besser zusammen denken kann, um sich wirklich auch zukunftsfähig aufzustellen. Und wenn ihr noch mehr über Nachhaltigkeit und nachhaltige Unternehmensführung in Theorie und Praxis erfahren wollt, bleibt einfach an unserem Podcast dran. Abonniert ihn, und wir liefern ihn euch ganz spannend mit Insights und Innovation rund um nachhaltige Technologien, Ressourcenmanagement und Zukunftsstrategien Ressourcen effizient direkt in euren Gehörgang. Empfangen könnt ihr uns überall da, wo es Podcasts gibt, egal ob ihr gerade im Homeoffice arbeitet, im Auto zur Arbeit unterwegs seid, im Bad euren Tag plant, beim Bügeln gedanklich das nächste Meeting vorbereitet oder draußen mit Kind und Hund einfach neue Kraft tankt. Alle Infos findet ihr wie immer unter den Show Notes, und denkt daran, Wandel beginnt bei uns, bei uns allen, bei jedem Einzelnen. Bleibt neugierig. Euer BusinessShift. Tschüss. Tschüss.

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